Karpfenangeln - Zurück zu den Wurzeln

Mit dem Kescher im Boot pumpte ich mich vorsichtig zu ihm hin. Es dauerte nicht lange, da begann das Getriebe meiner DE… Rolle laut zu knacken. Sie gab ihren Geist auf, sodass ich den Fisch mit der Hand an der »freien Leine« zu Ende drillen musste. Immerhin, 13 Pfund hatte der Fisch und war einer der wenigen Spiegel Karpfen dieses Sees. Einhundertfünfundvierzig Stunden musste ich damals warten, bis ich meinen ersten Boilie- Karpfen überlisten konnte. Dieses Ereignis liegt natürlich schon lange, lange zurück.

Von da an wendete sich das Blatt, der Knoten war geplatzt, der erste Fisch gab Selbstvertrauen. Ich handelte durchdachter und bekam mehr und mehr ein Gefühl fürs Karpfenangeln. Bereits bei der nächsten Session an meinem Heimatsee, der keine fünf Minuten von meinem Zuhause entfernt lag, konnte ich vier weitere Fische bis 22 Pfund fangen. Die DE.. Rollen wurden vorher beim Händler meines Vertrauens gegen Shimano Baitrunner 4500 getauscht und mit 0,35 mm Berkley Big Game Schnur versehen. Die Tackle-Box war gefüllt mit Vorfachmaterial von Kryston, und als Haken fischte ich die guten alten Continental Boilie Hooks von Drennan. Leider musste ich kurze Zeit später diesem See den Rücken kehren, da ich nur eine Gastkarte besaß und keine Chance bestand, dem Verein beizutreten.

Auf der Jagd nach einem 40 Pfund Karpfen

Die Jahre vergingen, es eröffneten sich andere Gelegenheiten, und zusammen mit ein paar Bekannten bekam ich die Chance, einen großen See im Nachbarort zu bewirtschaften. Dieses Gewässer war leider noch im Aufbau. Die Fische wuchsen nur langsam, und es dauerte einige Jahre, bis wir die ersten guten Fische fangen konnten. Vielleicht berufsbedingt war schon damals mein Interesse an selbstgemachtem Futter sehr groß, und die Erkenntnisse, die ich sammeln konnte, waren für die Folgejahre von großer Bedeutung. Irgendwann fing ich an diesem Gewässer meinen ersten 30er.

Einige Zeit später bei einer Mega Session folgte dann auch der erste 40-Pfund-Fisch aus diesem Gewässer. Ich freute mich, endlich einen dieser wenigen 20-Kilo-Fische gefangen zu haben. Einzelfische, die schneller wachsen als ihre Artgenossen gibt es in jedem See, und so hatten wir zumindest eine Handvoll 40er.

Die Zeit verstrich, der Reiz an großen Gewässern zu fischen zog mich immer häufiger Richtung Süden und ließ diesen kleinen See in meinem Heimatort fast in Vergessenheit geraten. Im Jahr 2010 jedoch erreichte mich die Meldung vom Fang eines großen Spieglers. Dieser hatte ein Gewicht von knapp über 20 Kilo. Ein Traumfisch. Mein Interesse war sofort wieder geweckt. Ich wollte diesen Fisch irgendwann fangen. Außerdem brachte dieses recht kleine Gewässer auch einige Vorteile mit sich.

Ohne großen Aufwand konnte ich hier nach der Arbeit auch noch um 23:00 Uhr aufschlagen und locker bis zum anderen Mittag fischen. Heranfahren, aufbauen, Ruten raus. Ideal, wenn die Zeit knapp ist. Über mehrere Jahre versuchte ich nun in den Verein zu gelangen, doch die Chancen standen zunächst schlecht. »Bei dreißig Personen ist die Obergrenze erreicht, mehr wird der Verein nicht aufnehmen«, sagte mir Marco, ein guter Bekannter, der schon etliche Jahre im Verein war und auch selber auf Karpfen fischt. Dennoch, ich stand zumindest schon mal auf der Warteliste.

Mit neuem Bivvy geht es Back to the Roots

Back to the roots: 2014 war es dann doch soweit, und ich konnte dem Verein beitreten. Über die Jahre hatte sich hier einiges geändert. Man hatte Graskarpfen eingesetzt, in einem Maß, das für dieses Gewässer völlig überzogen war. Das Kraut war fast vollständig verschwunden und der Gewässergrund kahl gemäht. Früher fischte ich immer gerne vor den Krautfeldern, aber nun musste ich mir neue Spots suchen. Ich wollte diesen großen Spiegler fangen, das war mein erklärtes Ziel. Doch er war schon seit mehr als vier Jahren nicht mehr gefangen worden. Ein genauer Plan bestand noch nicht. Ich fischte im ersten Jahr nur vereinzelt an diesem See und machte mir auch keine große Platte, da ich zu diesem Zeitpunkt noch ein anderes Gewässer auf meinem Zettel hatte und intensiv befischte.

Im Jahr 2015 begann ich frühzeitig an dem kleinen See zu fischen. Die tiefsten Bereiche sollten die Fische bringen, doch die ersten Nächte im Januar und Februar liefen verhalten. Lediglich ein einzelner Schuppi fand den Weg auf die Matte. Immerhin, besser als nichts.

Häufig vertrieb ich mir die Zeit am Wasser mit Kochen. Ende März wollte ich zwei Nächte fischen. Der Wasserstand war relativ niedrig, sodass am anderen Ufer ein versunkener Baum aufragte, der nur bei Niedrigwasser zu erkennen ist. Mit Boot, Echolot und Lotrute machte ich mir ein genaues Bild und setzte dieses Gebiet im Vorfeld zwei Wochen lang unter Futter. Der nächste Spot war ein kleiner Flachwasserbereich, genau das Richtige im Frühjahr. Der dritte Spot lag im Bereich einer Wasserpumpe, die der Bauer vor Jahren hier versenkt hatte. Kurzum, dieser Plan ging schonmal auf, und ich fing einige Fische an zwei der drei Stellen. Nur die Pumpe blieb ohne Fisch.

Entgegen meiner Vermutung fing ich eher kleine Fische und keinen der Großen. Es war die erste Session an diesem See, die ich gut durchdacht und geplant hatte. Dennoch machte ich mir Gedanken darüber, was ich verändern müsste. Grundsätzlich war mein Plan nicht schlecht. Das Futter passte, nur die großen Fische fehlten halt. Trotzdem stellte ich die Futterstrategie ein wenig um. Zunächst blieb alles wie gehabt: Partikel und Kugeln in 20 mm eine Woche lang. In der zweiten Woche fütterte ich nur Kugeln in 20, 24 und 30 mm, die ich im Keller »bretthart« getrocknet hatte und die letzten beiden Tage nur Kugeln in 24 und 30 mm. Es war bereits Mai. Die Bedingungen zum Angeln waren ideal, der Luftdruck konstant, der Wind passte auch. An einem Sonntagabend begleitete mich mein guter Freund Jens und meine Tochter Anna Lena. Ich beschloss zunächst mit 24- und 30-mm-Kugeln zu fischen. Jeweils eine Doppelkugel 24-mm- und 30-mm-Single-Hook-Baits kamen zum Einsatz. Für die Doppelkugel pappte ich immer zwei 24-mm-Kugeln mit einer ungekochten Spaghetti zusammen und fütterte davon gute zwei Kilo pro Platz. Um 22:00 Uhr waren die Fallen scharf.

Ich verbrachte vie Zeit in meinem Angelzelt....

Diesmal ließ ich den Spot an der Pumpe außer Acht und fischte die drei Ruten an einem kleinen, überhängenden Baum auf der gegenüberliegenden Uferseite, wo wo ich im Vorfeld immer Fische sichten konnte. Nun, da es völlig dunkel und merklich kühler geworden war, entzündeten wir ein Feuer in der Feuerschale. Kurz nach Mitternacht ertönte ein einzelner Pieper. Stille. Dann kurz darauf der Dauerton. Ich saß direkt hinter den Ruten und konnte sofort zugreifen. Der Tanz begann. Da ich die Schnur vorher markiert hatte wusste genau, wieviel ich geben konnte, ohne dass der Fisch in das Hindernis flüchtete. Ich ging bis ans Limit. Alles oder nichts. Der Korda Haken saß perfekt, und schon bald lenkte ich den Fisch ins Freiwasser. Nach zehn langen Minuten sah ich ihn das erste Mal im Schein meiner Kopflampe an der Oberfläche.

Es war ein Spiegler. Die letzte Flucht, ein Schritt nach vorne, und ich hatte ihn. Beim Blick ins Netz war ich mir ganz sicher, meinen Zielfisch gefangen zu haben. Vorsichtig legten wir ihn in die Wiegeschlinge, und die Waage zeigte 25,9 Kilo an. Abzüglich 1,3 Kilo für die Schlinge und Bingo! Der Fisch hatte seit dem letzten Mal mehr als vier Kilo zugelegt. Das war der absolute Hammer. Mein Plan war aufgegangen. Diesmal hatte alles gepasste, und die Falle war zugeschnappt. Jens und ich saßen noch bis tief in die Nacht vor den Ruten. Am nächsten Tag und in der folgenden Nacht konnte ich noch zwei weitere Fische von 28,5 und 29,0 Pfund fangen. Das Ergebnis machte mich überglücklich.

In der folgenden Zeit richtete sich mein Augenmerk verstärkt auf die Vorbereitung zu einer 14-tägigen Angeltour an einen der großen Flüsse im Süden Frankreichs. Meine Tochter begleitete mich, und gemeinsam waren wir recht erfolgreich. Aber bereits fünf Wochen später hockte ich schon wieder an dem kleinen See, um noch einen der großen, kampfstarken Schuppis zu fangen. Wie immer ereitete ich die Session sorgsam vor und behielt meine Strategie bei. Jens und Andy, ein weiterer guter Freund, begleiteten mich. Leider fing ich keinen der großen Schuppis, dafür aber noch einmal den gleichen Spiegler, knapp fünf Wochen nach meinem ersten Fang.

Durch die Futterumstellung von kleineren auf größere, brettharte Kugeln konnte ich die Fische sehr gut selektieren. Ich fing weniger, dafür aber die größeren Fische des Sees. Er ist keines der  1000-Hektar-Gewässer, und dennoch hat dieser Kleine seine Geschichte. Zurück zu den Wurzeln, ein Story, ein Fisch und auch ein Happy End.

Stefan Kischel

Team MK-Angelsport